Das Handy ist immer griffbereit. Also ist es inzwischen ganz selbstverständlich geworden, auch beim Lernen schnell ein Video zu machen. Ein neuer Rhythmus, eine Variation, eine schwierige Stelle – Handy raus, kurz aufnehmen, fertig.

Auch in meinen Trommelgruppen und Fortbildungen ist das längst normal. Und meistens finde ich das auch völlig in Ordnung. Ich arbeite selbst viel mit Lernvideos, Audios und Playalongs – gerade in meinen Onlinekursen sind Videos ein wichtiger Bestandteil und ich bin sehr dankbar für die Möglichkeiten, die wir heute damit haben.

Aber manchmal sage ich am Ende einer Stunde ganz bewusst: Nein, heute machen wir davon kein Video.

Und damit stoße ich nicht immer auf Begeisterung.

„Warum nicht? Das kann ich mir doch niemals merken!“

Manchmal habe ich fast das Gefühl, als würde ich meinen Schülern damit etwas wegnehmen. Als würde ich ihnen das Lernen unnötig erschweren, obwohl es doch mit einem Video so viel einfacher wäre.

Dabei möchte ich genau das Gegenteil.

Zum Glück gibt es ein Video …

… dann muss ich es mir nicht merken.

Natürlich sagt das niemand so. Aber ich glaube, dieser Gedanke kann sich ganz unbemerkt einschleichen. Wenn ich schon während des Unterrichts weiß, dass ich später alles noch einmal anschauen kann, muss ich mich in diesem Moment auch nicht besonders darum bemühen, es festzuhalten.

Vor Kurzem habe ich mit einer Gruppe zwei kleine Variationen gespielt: eine Sextole und eine Dreierverschiebung. Diesmal gab es anschließend bewusst kein Video.

Am nächsten Tag darf ich mich dann vielleicht tatsächlich fragen: Wie fing die Figur noch einmal an? Wo saß die Sextole? Wie war die Bewegung? Kann ich den Rhythmus noch innerlich hören?

Und vielleicht weiß ich es nicht sofort.

Das ist aber kein Mangel. Und es bedeutet auch nicht, dass ich schlecht gelernt habe.

Dieses Suchen gehört zum Lernen dazu.

Auch aus der Lernforschung weiß man, dass aktives Erinnern dabei helfen kann, Gelerntes zu festigen. Wenn ich versuche, etwas aus meinem Gedächtnis wieder hervorzuholen, muss mein Gehirn arbeiten. Beim Trommeln kommt der Körper dazu: die Bewegung, die Hände, das innere Hören. Manchmal findet man einen Rhythmus auf diese Weise Stück für Stück wieder.

Und ja, das kann auch mal ein bisschen anstrengend sein.

Dann höre ich schon mal: „Aber Trommeln ist doch mein Hobby.“

Natürlich ist es das. Und ein Hobby soll Freude machen. Aber warum sollte Freude bedeuten, dass immer alles möglichst leicht sein muss?

Gerade beim Lernen gehört doch auch dieses wunderbare Gefühl dazu: Ich hab’s!

Nicht weil ich nachgeschaut habe. Sondern weil ich mich erinnert, ausprobiert und es schließlich selbst wiedergefunden habe.

Eine kleine Übung

Vielleicht probierst du beim nächsten Unterricht oder beim nächsten Workshop einfach einmal etwas aus:

Stell dir vor, du hättest überhaupt keine Möglichkeit, ein Video oder Audio aufzunehmen.

Kein Handy. Keine Aufnahme. Kein „Ich schaue später noch mal nach“.

Wie würdest du dir den Rhythmus dann merken?

Vielleicht singst du ihn dir vor. Vielleicht erfindest du eigene Silben oder einen Satz. Vielleicht merkst du dir eine Bewegung, einen bestimmten Akzent oder die Stelle, an der etwas passiert. Vielleicht gehst du den Puls dazu oder spielst die Figur direkt noch einmal in Gedanken durch.

Es gibt viele Wege, etwas festzuhalten.

Und genau das finde ich spannend: herauszufinden, welcher Weg für mich funktioniert.

So habe ich früher auch gelernt. Es gab nicht nach jeder Unterrichtsstunde ein Video. Ich musste zuhören, beobachten, mitsingen, wiederholen und mir Strategien suchen, damit der Rhythmus hängen bleibt.

Vielleicht war genau das manchmal ein ziemlich gutes Training.

Erst erinnern, dann nachschauen

Ich möchte Lernvideos überhaupt nicht abschaffen. Dafür finde ich sie selbst viel zu wertvoll. Sie helfen beim Üben, beim Vertiefen und auch dann, wenn etwas wirklich nicht mehr zusammenkommen will.

Aber vielleicht müssen wir nicht jeden Rhythmus sofort auf dem Handy sichern.

Manchmal darf eine Trommelstunde einfach enden. Und der Rhythmus darf erst einmal mit nach Hause – im Herz, im Kopf, in den Ohren und in den Händen.

Und wenn ich am nächsten Tag vor meiner Trommel sitze und denke: „Mist, wie ging das noch mal?“, muss ich darüber nicht gleich frustriert sein.

Ich kann erst einmal suchen.

Vielleicht weiß mein Kopf noch etwas. Vielleicht erinnern sich meine Hände. Vielleicht höre ich die Figur innerlich wieder. Und vielleicht braucht es ein paar Versuche.

Das Video kann später immer noch kommen.

Aber vorher darf ich meinem eigenen Gedächtnis eine Chance geben.

Und wenn der Rhythmus dann plötzlich wieder da ist, wenn die Hände ihn finden und ich merke: „Ja, genau – so war das!“, dann entsteht noch etwas anderes: Freude.

Diese kleine Freude darüber, etwas selbst wiedergefunden zu haben. Nicht einfach auf „Play“ gedrückt, sondern gesucht, ausprobiert und erinnert.

Und vielleicht bleibt der Rhythmus gerade deshalb ein kleines bisschen besser hängen.

Probier es doch beim nächsten Mal einfach aus.

Viel Freude beim Erinnern – und bis zum nächsten Mal!